Zwischen WK I und II

 

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Schon 1915 zeigt sich erstmals in der Kriegsgeschichte die Bedeutung der Luftherrschaft auf die Landkriegsführung. 1916, in der Somme-Schlacht, greifen die Alliierten mit der Luftwaffe erstmals massiv in den Erdkampf ein. Sie wiederholen dies in noch grösserem Umfang in der Flandern-Schlacht 1917. Seither herrscht die Überzeugung, dass ein Grosskampf ohne Lufteingriffe nicht mehr denkbar ist und dass die Überlegenheit am Boden die Luftüberlegenheit voraussetzt.

Nach dem Weltkrieg I (WK I) werden die Versuche, Studien und Konstruktionen im Bereich der Fliegerabwehr mit Schwung fortgesetzt. Die artilleristische Fliegerabwehr ist nun nicht mehr wegzudenken und wird zielstrebig weiterentwickelt.

 

1923

Die schweizerische Generalstabsabteilung beginnt , sich ernsthaft mit der Fliegerabwehr zu befassen. Als erstes wendet man sich einem der erkannten Hauptprobleme zu, der Schaffung eines Fliegerbeobachtungs- und Meldedienstes. Auch Massnahmen zur passiven Fliegerabwehr werden studiert. Nebst der Tarnung auch grosser Anlagen denkt man etwa an aufgehängte, elektrisch geladene Drähte, Sperrballone und Drachen.

 

Was dagegen die Schaffung einer wirksamen Fliegerabwehr anbetrifft, gehen die Meinungen sehr auseinander. Es gibt drei Interessengruppen, die Flieger, die Artilleristen und die Infanterie.

 

  • Die Flieger sind der Meinung, dass eine effektive Abwehr fremder Flugzeuge nur mittels Jagdflugzeugen erfolgreich sein kann. Das ist natürlich mit den 9 Fokkern (7 davon flugbereit), 6 Henriots und 14 Militärpiloten, über die man gerade verfügte, nicht denkbar. Die Flieger rufen daher nach einer massiven Verstärkung der Flugwaffe und fordern 6 Staffeln zu je 9 Flugzeugen, verteilt auf 3 Kriegsflugplätze im Lande.

  • Die Artilleristen dagegen raten den Beschuss feindlicher Flugzeuge mit Geschützen an. Auch hier verfügt man über keine Flabkanonen und will deshalb als erste Massnahme 44 Geschütze für den Umbau freistellen. Weil man wohl im Stillen an einer genügenden Wirkung zweifelt, schlägt man die Beschaffung moderner Flabkanonen und Scheinwerfer zur Hebung des Wirkungsgrades vor.

  • Die Infanteristen schliesslich geben ihrer Überzeugung Ausdruck, dass ihre Mitrailleusen das einzige probate Mittel seinen, um Flugzeuge wirkungsvoll abzuwehren. Allerdings, so argumentieren sie, brauche es spezielle Munition, nämlich Leuchtspurgeschosse und eine geeignete Lafette, an welcher die Schiess-Schule der Infanterie bereis experimentiert.

1925

Eine Flabkonferenz unter Leitung des Generalstabschefs und mit Beteiligung der Waffenchefs der Artillerie, der Genietruppen, dem Chef der kriegstechnischen Abteilung  sowie dem Flugplatzdirektor wird einberufen.

An dieser Konferenz wird die folgende Organisation der Fliegerabwehr entworfen:

 

Organisation der Fliegerabwehr 1925

 

1927

Erstmals werden in der Schweizer Armee Fliegerabwehr-Rekruten ausgebildet. Hierzu befiehlt das Eidg. Militärdepartement die jährliche Abzweigung von 20 – 25 Mann Festungsartilleristen, die als Flabkanoniere auszubilden seien. Ausbildungsmaterial: 4 in Seewen SZ eingelagerte Geschütze. Ausbildungsort ist der Monte Ceneri.

Der Aufbau der Flieger- und Flab Truppen ist insbesondere geprägt vom rasanten technischen Fortschritt auf allen Gebieten und der fieberhaften Aufrüstung in den Nachbarstaaten. Immer gebieterischer zeigt sich, dass man die vielschichtigen Aufgaben des Auf- und Weiterausbaus ohne selbständige Dienstabteilung mit straffer Führungsstruktur nicht mehr länger bewältigen kann.

1935

Die Schweiz. Offiziersgesellschaft erhebt die Frage nach einer wirkungsvollen Fliegerabwehr zu einer Eingabe an das Eidg. Militärdepartement. Dieses gibt bei der Generalstabsabteilung eine Studie in Auftrag. In seinem bedeutenden Bericht über die Schwierigkeiten des aktiven und passiven Luftschutzes, dem „Memorial Luftschutz“, beurteilt Oberst Bandi unter Einbezug der Flugwaffe und der Flabwaffen die Möglichkeiten und Mittel der Luftabwehr. Er stellt Forderungen für die Beschaffung von weiterem Material und die Vereinigung der künftigen Luftabwehrmittel sowie deren Unterstellung unter einheitliche Führung mit den erforderlichen Befugnissen.

1936

19. Oktober: der Chef des Eidg. Militärdepartementes (Rudolf Minger) verfügt den Aufbau der „Abteilung für Flugwesen und aktiven Luftschutz“. Oberst Bandi, bisher Kdt des Fliegerwaffenplatzes Dübendorf, wird Chef der Abteilung und Waffenchef der Flieger- und Fliegerabwehrtruppen. Man kann davon ausgehen, dass sein Memorial der Wegbereiter für diesen Entscheid war.

Die Benennung der neu geschaffenen Abteilung führt zu Verwirrung, da es seit kurzem auch eine „Abteilung für passiven Luftschutz“ gibt. Aus diesem Grund erfolgt weniger als ein Monat nach der Gründung der Dienstabteilung deren Umbenennung auf „Abteilung für Flugwesen und Fliegerabwehr“, kurz AFLF.

Unter dem Damoklesschwert der gefährlich kurz gewordenen Vorwarnzeit entsteht die Botschaft des Bundesrates „Verstärkung der Landesverteidigung und Einführung einer neuen Truppenordnung“, welche innert einer Woche die Hürden des Parlamentes nimmt und in deren Rahmen Kredite von insgesamt 265 Millionen Franken gutgeheissen werden.

Für den Ausbau der „Erdabwehr“ (Fliegerabwehr) sind davon 48.2 Mio Franken vorgesehen, die später sogar auf 62 Mio aufgestockt werden.

 

In Kloten gelangt im Sommer unter dem Kommando von Oberst Ernst  von Schmid die erste Rekrutenschule der Fliegerabwehr zur Durchführung.

  • Mannschaftsbestand: 3 Offiziere, 49 Unteroffiziere und Rekruten

  • Waffen und Geräte:

  • Vier 7.5 cm Flab Kan „Vickers“ (Eintreffen nach und nach)

  • Ein Kommandogerät „Sperry“

  • Ein Telemeter  3 m Basis „Barr & Stroud“

  • Vier 20 mm Flab Kann „Oerlikon“

  • Ein Flabscheinwerfer „Siemens“

  • Ein Horchgerät „ Elascop“

Die Kader sehen das Material gleichzeitig mit den Rekruten und Ausbildungshilfen gab es noch keine. Trotzdem meistert man die Ausbildung und beherrscht man die Geschütze  schliesslich soweit, dass die erste Flabschiessverlegung nach Crans-Montana gewagt werden kann. Dort schiesst man auf Schleppsäcke hinter Fokker CV.

1937 wird die Achse Berlin-Rom politische Wirklichkeit. Unsere Landesregierung erkennt die bedrohliche Entwicklung für unser zwischen den zwei Diktaturen liegende Land. Die anwachsende Kriegsgefahr führt zu hartem Ringen um die Verstärkung der schweizerischen Landesverteidigung.

1937

Die im Vorjahr gesprochenen Beschaffungskredite führen zu Kontroversen  über die Art des zu beschaffenden Materials.

  • Im Juni werden 8 Flabgeschütze „Oerlikon“ 20 mm bestellt.

20 mm Flab Kan 38 Oerlikon mit Schulterstütze  20 mm Flab Kan 38 Oerlikon 

Linkes Bild: Flab Kan 38 Oerlikon 38 mit Schulterstütze (diese bewährte sich nicht und wurde fallen gelassen)

Rechtes Bild: 20 mm Flab Kan 38 Oerlikon (schussbereit)

Unteres Bild: 20 mm Flab Kan 37 Oerlikon (fahrbereit)

  • Der Antrag des Waffenchefs auf Bestellung weiterer 28 20 mm Geschütze desselben Typs zum Preis von Fr 1'434'000.-- bekämpft die Kriegstechnische Abteilung (KTA, heute Arma Suisse) vehement. Sie macht technische Mängel,  geringe Leistung und zu schwaches Kaliber geltend.

  • Eine Konferenz unter Leitung des Gst Chefs unter Beisein des Chefs des Eidg. Militärdepartements stellt Ende 1937 fest, dass eine Leichte Fliegerabwehr vom Kaliber 20 mm notwendig ist.

  • Offenbar will die KTA die von ihr entwickelte 34 mm Kanone an den Mann bringen. Die Kommission aber stellt fest, dass diese für gewisse Einsätze zu schwer und zu wenig beweglich sei. Eine Zusammenstellung der AFLF zeigt auf, dass schon eine ganze Anzahl von Staaten ansehnliche, ja sogar einschüchternde Bestände an 20 mm Geschützen für die Fliegerabwehr besitzen.

Die 34 mm Flab Kan 38  W+F

 

 

Ab diesem Jahr gelangen jeweils 2 Rekrutenschulen pro Jahr zur Durchführung. Die 3 bestehenden Ballonkompanien sowie die 4 Festungsartillerie-Detachemente werden auf die 20 mm Flab umgeschult und neu zu Flabdetachementen umorganisiert

1938

Der Bundesrat beschliesst im März die Beschaffung der vom Waffenchef der FF Trp beantragten 28 20 mm Flab Kanonen Oerlikon. Deren Auslieferung erfolgt ab Mitte Juni bis 17. November.

Auch 7.5 cm Flab Kanonen mit Kommandogeräten werden jetzt in Auftrag gegeben. Ende Jahr hat sich auch die KTA durchgesetzt, denn trotz Widersetzung des Waffenchefs gegen diese Vorhaben wurde nicht weniger als sechzig 34 mm Geschütze bestellt.

Auch die Eidg. Waffenfabrik (W+F) hat eine 20 mm Flab Kan entwickelt und soll im Herbst eine erste Tranche abliefern. Es gibt jedoch Verzögerungen, so dass anfangs Oktober vorerst die drei ersten 20 mm Flab Kan 38 W+F an die Flab RS II zu Versuchszwecken abgegeben werden.

Die 20 mm Flab Kan 38 W+F im Einsatz (hier in den 70er Jahren im Felddienst der Flab RS 46)

Mehrere Kantone und Städte sowie grosse Industriebetriebe interessieren sich für die Beschaffung eigener Flabwaffen für den eigenen aktiven Luftschutz. Die örtliche gebundene und zivil finanzierte Fliegerabwehr wird vor Ausbruch des WK II nicht definitiv geregelt. Erst im Dezember erlässt der Bundesrat eine entsprechende Verordnung, in welcher Aufgaben, Organisation und Kompetenzen der „Ortsflab“ geregelt werden.

1939

Es zeigt sich, dass die 1936 gesprochenen Kredite nicht ausgeschöpft wurden. Der Waffenbestand beträgt Ende Jahr:

  • L Flab: 131 Geschütze 20 mm Flab Kan „Oerlikon“

  • Sch Flab: 23 Geschütze 7.5 cm Flab Kan Modell „Schneider“ und 4 Geschütze 7.5 cm Flab Kan Modell „Vickers“

 

Im Frühjahr beantragt Oberst von Schmid, der erste Flab-Schulkommandant, die Beschaffung von Telemetern, Stereo-Telemeter Basis 1.25 m denn der Treffererfolg hängt wesentlich vom Einhalten der korrekten Schussdistanz ab. Die Stereo-Entfernungsmesser der Firma Zeiss in Jena mit einer Basis von 1.25 m scheinen für die Aufgabe bei der L Flab geeignet zu sein. Die Kriegstechnische Abteilung KTA stimmt innert 10 Tagen zu und kurz darauf werden die ersten 20 Zeiss-Stereo-Telementer 1.25 Basis, mit 20-facher Vergrösserung und einem Messbereich zwischen 250 bis 20'000 m bestellt. (Gewisse Quellen situieren diese Beschaffung im April 1938 [Christen]).

 

Während dem Frühlings-Schiesskurs der Flab RS I in Zuoz-Scanfs ist ein hoher Gast in der Person des Chefs des Stabes der Inspektion der deutschen Flak Artillerie im Reichsluftfahrtministerium zu Gast. Er verfolgt einem Tag lang die Schiessübungen aller Kaliber. Ein so wichtiger Besuch rechtfertigt es, dass man das Schleppziel nicht im Einzelschuss, sondern feuereinheitsweise mit Kriegsserien beschiesst. Die 20 mm Flab, welche mit dem Demonstrationsschiessen beginnt, bringt nicht nur den Gast zum Staunen, denn der L Flab Zug schiesst bereits in der 2. Passage den Schleppsack ab! Damit werden die Erwartungen in den weiteren Verlauf von Anfang an recht hoch geschraubt. Aber auch der Mittelkaliber- und der schweren Flab ist das Glück hold, denn der 34 mm Flab glückt der Sackabschuss schon in der 1. Passage. Die 7.5 mm Flab muss mit dem in einer „Nacht- und Nebeloperation“ reparierten Kommandogerät antreten, das des drohenden Wetterumsturzes wegen nicht einmal mehr geprüft werden konnte. Nun, auch die 7.5 mm Rekruten holen den Sack mit der 4. Lage in der 1. Passage herunter!  Der Gast ist zutiefst beeindruckt von den hervorragenden Leistungen.

 

Weniger beeindruckt, ja verständnislos, ist der Gast dann allerdings am folgenden Tag. Da muss er nämlich auf der Verlegung der SchulePferdetransport der 20 mm Flab Kan im Gebirge von Zuoz nach Kloten miterleben, wie katastrophal die Motorisierung der schweizerischen Flabtruppen ist. Überall stehen am Strassenrand Pannenfahrzeuge mit angehängten Geschützen und Geräten. In der Tat sind die zugeteilten „Berna“ Lastwagen aus dem Jahr 1920 sehr ungenügend. Um die ausserhalb der Fahrerkabine angeordnete Kulissen-Gangschaltung zu bedienen, werden manchmal sogar mittels Schnüren am Fahrzeug befestigte Maurerhämmer verwendet, um nach dem Gangwechsel den Schalthebel „hineinzuhauen“. (Bild: Pferdetransport einer 20 mm Flab Kan im Gebirge)

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Last Update: 04.11.2011